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Timm Ebner: „Echtes Afrika“. Authentizität als Unheimlichkeit in der „wahren echten Berichterstattung“ Paul Ettighoffers
   

Mittwoch, 30. März 2016, 13:00 - 14:30

Eötvös-Loránd-Universität, Rákóczi út 5., 1088 Budapest, Raum 144

 

VWI goes to the Institute of Germanic Studies at the Eötvös Loránd University

ettighoffercut webDer Reisebericht So sah ich Afrika (1938) ist ein Paradebeispiel dafür, wie die NS Kolonialliteratur den Naturbegriff als Chiffre der Authentizität der Erzählung einsetzte. Der Erfolgsautor Paul Ettighoffer sucht in Afrika beharrlich nach ‚echter Natur’, nach ‚echtem Afrika’ und auch nach ‚echtem Deutschtum’. Seine Reise soll eine Identität ‚wiederherstellen’, die der europäischen Moderne abhandengekommen sei. Weil dieser Anspruch auf einer Unmittelbarkeitsutopie basiert, entgleitet die ‚Echtheit’ Ettighoffer umso mehr, je entschlossener er sie verfolgt. Die Reise in die Fremde gerät zu einer unheimlichen Reise ins eigene Unbewusste. Das zeigt sich spätestens, wenn er den Schauplatz Afrika mit Traumata anfüllt, die er zuerst in seinen Berichten über den Ersten Weltkrieg geschildert hatte.
Ettighoffers Darstellung der Kolonisierten ist äußerst ambivalent, umfasst sowohl Positivstereotype (beispielsweise deutsche Askari), als auch Negativstereotype (‚europäisierte’ Afrikaner, „semitische“ [sic] Inder). Das Positivstereotyp erweist sich hier wie beim Naturbegriff als utopischer Anspruch: Wenn die Kolonisierten dem verfolgten Idealbild nicht entsprechen, stellt sie Ettighoffer als verfolgendes Feindbild dar. Und auch dabei spielt die Frage nach Authentizität eine Rolle: Hereros in deutschen Uniformen stilisiert Ettighoffer beispielsweise zunächst als Idyll der ‚Heimat in der Fremde’. Sobald er die Herero aber als Subjekte wahrnimmt, werden sie unheimlich. Er sieht die Afrikaner als „Kinder, aber auch schlafende Bestien. Wehe, wenn die schlechten Instinkte dieser schwarzen Masse geweckt und gereizt werden!“ Die Dichotomie Kinder/Bestien macht die Unheimlichkeit des Fremden zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Kommentar: Amália Kerekes

Timm Ebner ist Junior Fellow am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI). Er promovierte am Graduiertenkolleg Mediale Historiographien (Weimar/Erfurt/Jena) mit einer Studie zur nationalsozialistischen Kolonialliteratur. Seine letzten Veröffentlichungen beschäftigen sich mit Louis Althusser, Jacques Lacan, Slavoj Žižek, Alain Badiou, der Wissenschaftsgeschichte des Rassismus, der deutschen Kolonialgeschichte und dem Kannibalismus.

Amália Kerekes ist Oberassistentin am Germanistischen Institut der Eötvös-Loránd-Universität. Sie promovierte über das Spätwerk von Karl Kraus und arbeitete anschließend an ihrem Habilitationsprojekt über die Geschichte der ungarischen Emigration in Wien 1919–1926.

Einladung als PDF-Datei herunterladen.

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