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Der Numerus Clausus in Ungarn

 

Antisemitismus, Geschlecht und Exil hundert Jahre danach

 

Das Gesetz XXV/1920, das so genannte Numerus Clausus-Gesetz, das von der ungarischen Nationalversammlung im September 1920 verabschiedet wurde, hat den zweifelhaften Verdienst, das erste antisemitische Gesetz der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gewesen zu sein. Mit dem angeblichen Ziel, die Überbelegung der ungarischen Universitäten nach dem Vertrag von Trianon zu verringern, wurde die Immatrikulation an eine Universität an das Verhältnis von ‚Rassen‘ und ‚Nationalitäten‘ in der Gesamtbevölkerung gebunden. Die antisemitische Agenda des konterrevolutionären Regimes in Ungarn, der Tenor der parlamentarischen Debatte und die körperliche Gewalt, die von rechten Studentenorganisationen gegen jüdische StudentInnen ausgeübt wurde, ließen jedoch keinen Zweifel an der antijüdischen Zielsetzung dieses Gesetzes.

 

Die gesetzliche Quote von sechs Prozent an jüdischen Studierenden reduzierte die bisherige hohe Vertretung von Juden und Jüdinnen an den Universitätsfakultäten drastisch. Es führte auch zur Flucht von Tausenden ungarisch-jüdischen StudentInnen (den sogenannten NC-Exilanten) an Universitäten im Ausland und raubte dem Land viele künftige Führungspersönlichkeiten, vermachte sie der westlichen Wissenschaft. Trotz der anhaltenden Verschleierung und der damit verbundenen Mythen sind sich Historiker einig, dass das Gesetz gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung verstieß und somit den Weg ebnete, für die in den späten 1930er-Jahren erlassenen, offen diskriminierenden antijüdischen Gesetze und letztendlich für den ungarischen Holocaust.

 

Aber gerade auch Frauen waren von diesen staatlich sanktionierten Universitätsrichtlinien betroffen. Geschlecht und Politik stehen somit im Fokus dieses Projekts. Als frühes Beispiel für ein illiberales Social Engineering spiegelte das Gesetz die sich vertiefende Spaltung in der ungarischen Gesellschaft wider, trug aber auch zu dieser maßgeblich bei. Das Forschungsvorhaben setzt sich dabei zum Ziel, die Auswirkungen auf die konkurrierende Wahrnehmung von Rasse, Geschlecht und Klasse sowie die langfristigen Entwicklungen der ungarischen Gesellschaft, wie die Emanzipation von Frauen und die jüdische Assimilation, zu vermessen.

 

Dabei wird die Untersuchung zwei komplementären Leitlinien folgen: Zunächst werden die Auswirkungen des Gesetzes auf ungarische jüdische Frauen untersucht und deren Entscheidung, sich ins Ausland zu wagen, um zu studieren, die Hochschulausbildung zu verschieben oder sich gänzlich aus dem akademischen Leben zurückzuziehen. Seit der teilweisen Eröffnung der Fakultäten für Frauen im späten 19. Jahrhundert befanden sich Töchter aus bürgerlich assimilierten ungarischen jüdischen Familien an der Spitze der Hochschulbildung und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs erreichte ihr Verhältnis in den Fakultäten für Kunst und Medizin eine auffallende Höhe. Sie waren daher durch das NC-Gesetz unverhältnismäßig benachteiligt, sowohl als Frauen als auch als Jüdinnen. Betroffen waren sie allerdings auch durch die zutiefst konservative Agenda des Zwischenkriegsregimes als auch durch Universitätsverwalter, die - größtenteils erfolgreich - bestrebt waren, den gesellschaftlichen Fortschritt, den Frauen in der Kriegszeit betroffen hatte, rückgängig zu machen. Das Projekt wird dazu Daten über die Immatrikulation jüdischer Frauen an ungarischen Universitäten kompilieren, deren Proportion unter den Juden im Exil ermitteln und die Konturen transnationaler Studentennetzwerke zwischen 1920 und 1938 darstellen.

 

In einem weiteren Schritt werden die breiteren sozialen und kulturellen Auswirkungen des NC-Gesetzes untersucht werden, dafür Memoiren, mündliche historische Quellen sowie die Archive und die Presse der ungarischen jüdischen Gemeinden herangezogen werden, um die folgenden Fragen zu beantworten: Wie hat das Gesetz die Bildungsstrategien der ungarischen jüdischen Familien verändert? Hatte es die jüdische Assimilation verlangsamt, und eine jüdische Identität gestärkt? Im Fokus stehen dabei ungarisch-jüdische Familien, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Hauptakteurinnen der Frauenhochschulbildung waren, und die Frage wie – unter äußerem Druck – in der Folge doch eine konservativere Geschlechterdynamik zum Durchbruch kam.

 

Die Ergebnisse werden für HistorikerInnen aus Ungarn und Ostmitteleuropa, für die Geschichte des Antisemitismus im 20. Jahrhunderts und für die intellektuelle Migration aus dem von NS-Deutschland besetzten Europa von großem Interesse sein. Die Parallelen zu nordamerikanischen Eliteuniversitäten, an denen antisemitische Maßnahmen weitgehend ohne vorherige Formalisierung praktiziert wurden, weisen auch auf das vergleichbare Potenzial unseres Projekts hin.

 

Das Projekt wird vom kanadischen Wissenschaftsrat für Sozial- und Geisteswissenschaften finanziert.

 

Projektverantwortliche sind Judith Szapor (McGill University, Montreal), Éva Kovács (Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien – VWI und Ágnes Kelemen (Central European University).

 

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