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Aktuelle Veranstaltungen und Calls

27. Januar 2020 08:00 - 16. Februar 2020 23:59
CfP - WorkshopsCall for Papers, Workshop: The Fantastic Afterlives of the Holocaust
Ghosts, apparitions, phantoms, demons, monsters, and miracles all inhabit postwar references to the Holocaust. They constitute recurrent, though often neglected, tropes in testimonies and memoirs of survivors, but also increasingly come to the fore in contemporary engagements with the...Weiterlesen...
30. Januar 2020 18:30
BuchpräsentationKateřina Čapková / Hillel J. Kieval (Hg.), Zwischen Prag und Nikolsburg. Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern. Göttingen 2020.
Kafka, Golem und allgemein das jüdische Prag sind es, an die viele Menschen denken, wenn die Rede auf die jüdische Geschichte Böhmens und Mährens kommt. Nur zu gern vergisst man, dass es auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik seit dem Mittelalter ein blühendes Gemeind...Weiterlesen...
31. Januar 2020 13:00
WorkshopWhat's News at Fortunoff Archive?
The Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies has been recording testimonies of survivors, witnesses, and bystanders of the Holocaust since 1979, when the project started as a grassroots effort in New Haven. It currently holds more than 4,400 testimonies, comprising more than ...Weiterlesen...
02. Februar 2020 15:30
Intervention„Ich bin einer der 500 von 150.000“. Simon Wiesenthal im Interview
Elf Stunden an sechs Nachmittagen Ein alter Mann erzählt, spricht in die Kamera: vor ihm ein Tisch, hinter ihm ein Bücherregal. Sowohl er als auch das Aufnahmegerät werden sich Stunden lang kaum bewegen. Aus dem Off stellt jemand hin und wieder Fragen, greift aber nur selten in ...Weiterlesen...
19. Februar 2020 18:30
VWI Visual„Der Prinz Und Der Dybbuk“, Regie: Elwira Niewiera / Piotr Rosołowski 82 Min, OmdU
Wer war Mosche Waks, der 1904 als Sohn eines armen jüdischen Schmiedes in der Ukraine geboren wurde und als Prinz Michał Waszyński 1965 in Spanien starb? War er ein Wunderkind des Kinos, ein raffinierter Betrüger oder ein Mann, der filmische Illusion und Realität nicht auseinander...Weiterlesen...

Kartierung des Roma-Völkermordes in Ungarn

 

Trotz der Bemühungen von WissenschaftlerInnen und PädagogInnen in den letzten zwei Jahrzehnten ist der Völkermord an den Roma in den Bereichen Gedenken, Wissenschaft und Erziehung zum Zweiten Weltkrieg in Mitteleuropa nach wie vor unterrepräsentiert. Darüber hinaus sind Länder wie Ungarn und die Slowakei von starken antiziganistischen Emotionen in weiten Teilen der Bevölkerung geprägt. Zudem verstärkt hier eine institutionalisierte Romaphobie diese negativen, gesellschaftlich durchaus akzeptierten Einstellungen und verhindert eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Roma.

 

Im Rahmen dieses Projekts und einer internationalen Partnerschaft wird ein Online-Portal entwickelt, das sich mit dem Völkermord an den Roma in den 1940er-Jahren befasst. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Westungarn und der Südslowakei: Regionen, in denen die stärkste und tödlichste Verfolgung der Roma in dieser Zeit erfolgte. Herzstück und Resultat des Projekts wird eine interaktive Karte sein, die die Sammel- und Arbeitslager, die Stätten der Morde und Gräueltaten, Grabstätten und Gedenkorte sowie die Wege von Zwangsmärschen visualisiert.

 

Das Projekt wird zu diesem Zweck unerforschte Archivquellen digitalisieren und damit einen kompletten, digital verfügbaren Katalog der Unterlagen in den staatlichen Archiven Ungarns und der Slowakei mit mehrsprachigen Beschreibungen anbieten, um eine weitere Recherche zu erleichtern. Das Portal wird zudem Bilder, thematische Karten, Glossare von Schlüsselpersonen, Orten und Themen sowie eine Zeitleiste umfassen, die eine detaillierte Zusammenfassung des Völkermords an den Roma in Ungarn einschließlich seiner Ursprünge und Folgen sowie seiner zeitgemäßen räumlichen, kulturellen und politischen Gegebenheiten enthält. Weiters werden kostenlose Unterrichtsmaterialien erstellt und PädagogInnen zugänglich gemacht.

 

Das Archiv wird schließlich lokalen Behörden, Bürgermeisterämtern, Beamten und Direktoren von regionalen Schulräten, Museen, Kulturinstitutionen und NGOs zugänglich gemacht. Somit können lokale Entscheidungsträger mittels öffentlicher Vorträge, Kulturprogramme sowie Bildungs- und Gedenkprogramme den Holocaust-Gedenktag der Roma individuell und immer bezogen auf die eigene Gemeinde gestalten. Die Ergebnisse des Projekts werden somit die Perspektiven der Roma in die die Roma noch immer ausgrenzende nationale Narrative und Bildungspraktiken einbeziehen und somit auch die Lücken in Forschung, Bildung und Erinnerung schließen können.

 

Verantwortlich für das von der IHRA geförderte Projekt ist László Csősz vom Ungarischen Staatsarchiv.

 

Accessing Campscapes

 

Inclusive Strategies for Using European Conflicted Heritage

 

In den meisten europäischen Ländern wurden die NS-Lager nach 1945 zu Ikonen des antifaschistischen Widerstands und der Leiden im Holocaust und spielten so eine zentrale Rolle in der europäischen Erinnerung an Totalitarismus und Völkermord. Während in Westeuropa die ehemaligen Lager für postkoloniale Migranten und andere Flüchtlingsgruppen wiederverwendet wurden, blieben sie in Osteuropa, den zentralen Tatorten des Holocaust und des stalinistischen Terrors bis heute umstrittene Orte, an denen aufeinanderfolgende Internierungen von Gefangenen durch Besatzungsmächte und politische Regime die Opfer eines Ereignisses in Verfolger eines anderen verwandelten. Diese Verstrickung des Erinnerns mit dem Vergessen sowie das Beschweigen konkurrierender Erzählungen zeigt die starke Verbindung zwischen Erbe, Geschichtserzählungen und Identitätspolitik, was wiederum eine ernsthafte Herausforderung für Museen, Erinnerungsinstitutionen, Organisationen der Zivilgesellschaft, soziale Aktivisten, kritische Akademiker und Pädagogen darstellt, die mit der Ausarbeitung neuer und alternativer Narrative beauftragt werden, um solche Räume auch für die Gegenwart noch relevanter zu machen.

 

Im Rahmen von iC-ACCESS wurde die kulturelle, politische und materielle Dynamik dieser ehemaligen Lager aus interdisziplinären Forschungsperspektiven in den Bereichen Geschichts- und Erinnerungsforschung, Forensik, Archäologie und Materialkulturforschung sowie Digital Humanities untersucht – vor allem hinsichtlich dessen, was im europäischen Kontext zu einer vorherrschenden Problematik geworden ist:

 

  • die Dynamik, die die Inszenierung und Präsentation einiger Holocaust-Lager bezüglich des historischen Erbes beeinflusst, und das Vergessen anderer;
  • die Anerkennung und Präsentation stalinistischer Lagerlandschaften in Osteuropa;
  • dissonantes Erbe und konkurrierende Erinnerungen sowie schwelende ethnische/regionale Spannungen aus der Vergangenheit, die durch die gegenwärtige EU-Krise verstärkt werden und die Identität und Zukunft des europäischen Integrationsprojekts beeinträchtigen.

iC-ACCESS setzte in erster Linie mit der Rolle der ‚Campscapes‘ als Denkmäler für das 20. Jahrhundert, ein ‚Jahrhundert der Lager‘ im Zeitalter der Transnationalisierung, Digitalisierung und Migration auseinander.

 

Auf der Abschlusstagung, die am 13. Oktober 2019 im VWI stattfand, wurden die Ergebnisse der zwischen 2016 und 2019 durchgeführten Forschungsarbeiten in den wichtigsten europäischen Konzetrations-, Vernichtungs-, Straf- und Zwangsarbeitslagern präsentiert: Westerbork (Niederlande), Treblinka (Polen), Falstad (Norwegen), Jasenovac/Donja Gradina (Kroatien/Republika Srpska), Bergen-Belsen (Deutschland), das ehemalige Roma-Lager in Lety (Tschechische Republik), das ehemalige Uranarbeitslager in der Region Jáchymov (Tschechische Republik), die ehemalige Holocaust-Exekutionsstätte in Maly Trostinez (Weißrussland) sowie das Bürgerkriegslager Castuera (Spanien).

 

Die Konferenz fokussierte auf die Rolle von ZeitzeugInnenberichten bei der Verbesserung der Zugänglichkeit und Sichtbarkeit für BesucherInnen solcher Websites, untersuchte die Möglichkeiten von neuen Technologien im Bereich der Virtual Reality und des 3-D-Mapping, versuchte konkurrierende Erinnerungen und Erzählungen der Lagerrealitäten zu verbinden, und sich dabei auf die umstrittene politische, narrative und materielle Dynamik um die Lager zu konzentrieren.

 

Dieses HERA-JPI-Projekt war eine Kooperation zwischen der Universität Amsterdam, der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie Trondheim, der Staffordshire University, der Westböhmischen Universität in Pilsen, der Freien Universität Berlin und dem Institut für Bioingenieurwesen in Barcelona. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit assoziierten Partnern durchgeführt: dem Bergen Belsen Memorial, dem Camp Westerbork Memorial Center, dem Museum für Kampf und Martyrium in Treblinka, dem Falstad Memorial und Human Rights Center, dem Jasenovac Memorial Museum, Postbellum, dem Museum für Roma - Kultur und dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI). Es profitierte dabei maßgeblich von der Unterstützung von Unternehmen wie UCL Scanlab, Eodyne Systems, VU Spinlab und Calibro.

 

iC-ACCESS wurde im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon 2020 der Europäischen Union unter Projektnummer 649307 gefördert.

 

https://www.campscapes.org 

Der Numerus Clausus in Ungarn

 

Antisemitismus, Geschlecht und Exil hundert Jahre danach

 

Das Gesetz XXV/1920, das so genannte Numerus Clausus-Gesetz, das von der ungarischen Nationalversammlung im September 1920 verabschiedet wurde, hat den zweifelhaften Verdienst, das erste antisemitische Gesetz der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gewesen zu sein. Mit dem angeblichen Ziel, die Überbelegung der ungarischen Universitäten nach dem Vertrag von Trianon zu verringern, wurde die Immatrikulation an eine Universität an das Verhältnis von ‚Rassen‘ und ‚Nationalitäten‘ in der Gesamtbevölkerung gebunden. Die antisemitische Agenda des konterrevolutionären Regimes in Ungarn, der Tenor der parlamentarischen Debatte und die körperliche Gewalt, die von rechten Studentenorganisationen gegen jüdische StudentInnen ausgeübt wurde, ließen jedoch keinen Zweifel an der antijüdischen Zielsetzung dieses Gesetzes.

 

Die gesetzliche Quote von sechs Prozent an jüdischen Studierenden reduzierte die bisherige hohe Vertretung von Juden und Jüdinnen an den Universitätsfakultäten drastisch. Es führte auch zur Flucht von Tausenden ungarisch-jüdischen StudentInnen (den sogenannten NC-Exilanten) an Universitäten im Ausland und raubte dem Land viele künftige Führungspersönlichkeiten, vermachte sie der westlichen Wissenschaft. Trotz der anhaltenden Verschleierung und der damit verbundenen Mythen sind sich Historiker einig, dass das Gesetz gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung verstieß und somit den Weg ebnete, für die in den späten 1930er-Jahren erlassenen, offen diskriminierenden antijüdischen Gesetze und letztendlich für den ungarischen Holocaust.

 

Aber gerade auch Frauen waren von diesen staatlich sanktionierten Universitätsrichtlinien betroffen. Geschlecht und Politik stehen somit im Fokus dieses Projekts. Als frühes Beispiel für ein illiberales Social Engineering spiegelte das Gesetz die sich vertiefende Spaltung in der ungarischen Gesellschaft wider, trug aber auch zu dieser maßgeblich bei. Das Forschungsvorhaben setzt sich dabei zum Ziel, die Auswirkungen auf die konkurrierende Wahrnehmung von Rasse, Geschlecht und Klasse sowie die langfristigen Entwicklungen der ungarischen Gesellschaft, wie die Emanzipation von Frauen und die jüdische Assimilation, zu vermessen.

 

Dabei wird die Untersuchung in zwei komplementären Richtungen geführt: Zunächst werden die Auswirkungen des Gesetzes auf ungarische jüdische Frauen untersucht und ihre Entscheidung, sich ins Ausland zu wagen, um zu studieren, die Hochschulausbildung zu verschieben oder sie gänzlich aus dem akademischen Leben zurückzuziehen. Seit der teilweisen Eröffnung der Fakultäten für Frauen im späten 19. Jahrhundert befanden sich Töchter aus bürgerlich assimilierten ungarischen jüdischen Familien an der Spitze der Hochschulbildung und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs erreichte ihr Verhältnis in den Fakultäten für Kunst und Medizin eine auffallende Höhe. Sie waren daher durch das NC-Gesetz unverhältnismäßig benachteiligt, sowohl als Frauen als auch als Jüdinnen. Betroffen waren sie allerdings auch durch die zutiefst konservative Agenda des Zwischenkriegsregimes als auch durch Universitätsverwalter, die - größtenteils erfolgreich - bestrebt waren, den gesellschaftlichen Fortschritt, den Frauen in der Kriegszeit betroffen hatte, rückgängig zu machen. Das Projekt wird dazu Daten über die Immatrikulation jüdischer Frauen an ungarischen Universitäten kompilieren, deren Proportion unter den Juden im Exil ermitteln und die Konturen transnationaler Studentennetzwerke zwischen 1920 und 1938 darstellen.

 

In einem weiteren Schritt werden die breiteren sozialen und kulturellen Auswirkungen des NC-Gesetzes untersucht werden, dafür Memoiren, mündliche historische Quellen sowie die Archive und die Presse der ungarischen jüdischen Gemeinden herangezogen werden, um die folgenden Fragen zu beantworten: Wie hat das Gesetz die Bildungsstrategien der ungarischen jüdischen Familien verändert? Hatte es die jüdische Assimilation verlangsamt, und eine jüdische Identität gestärkt? Im Fokus stehen dabei ungarisch-jüdische Familien, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Hauptakteurinnen der Frauenhochschulbildung waren, und die Frage wie – unter äußerem Druck – in der Folge doch eine konservativere Geschlechterdynamik zum Durchbruch kam.

 

Die Ergebnisse werden für HistorikerInnen aus Ungarn und Ostmitteleuropa, für die Geschichte des Antisemitismus im 20. Jahrhunderts und für die intellektuelle Migration aus dem von NS-Deutschland besetzten Europa von großem Interesse sein. Die Parallelen zu nordamerikanischen Eliteuniversitäten, an denen antisemitische Maßnahmen weitgehend ohne vorherige Formalisierung praktiziert wurden, weisen auch auf das vergleichbare Potenzial unseres Projekts hin.

 

Das Projekt wird vom kanadischen Wissenschaftsrat für Sozial- und Geisteswissenschaften finanziert.

 

Projektverantwortliche sind Judith Szapor (McGill University, Montreal), Éva Kovács (Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien – VWI und Ágnes Kelemen (Central European University).

Tatort Graz-Wetzelsdorf 1945

 

Geschichte. Gedächtnis. Gedenken

 

Das Projektvorhaben thematisiert eines der größten NS-Verbrechen in der Kriegsendphase 1945 im österreichischen Raum, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist: die Ermordung von über 250 Menschen in der SS-Kaserne Graz-Wetzelsdorf, der heutigen Belgierkaserne. Bis heute ist dieses Verbrechen weder juristisch geklärt, noch wurde es einer umfangreichen wissenschaftlichen Bearbeitung zugeführt, weshalb bislang nur wenige gesicherte Informationen vorlagen.

 

2010 wurden in der Kaserne noch immer existente Massengräber entdeckt. Anlässlich des Gedenkjahres 2020 und dem 75. Jahrestag des Kriegsendes setzt sich das Projektvorhaben zum Ziel, den Verbrechenskomplex einer umfassenden wissenschaftlichen Analyse zu unterziehen, vergessene Opfer zu benennen und Aspekte von Täterschaft sowie vor allem die Struktur des einzigen in der Steiermark stationierten Waffen-SS-Verbandes zu beleuchten. Ziel ist die Erstellung der ersten Publikation zum ‚Fall Wetzelsdorf‘.

 

Das Verbrechen ist in den Rahmen der Todesmärsche von ungarisch-jüdischen ZwangsarbeiterInnen einzuordnen und ergänzt daher dieses ebenfalls noch wenig bearbeitete Feld entscheidend. Das Vorhaben umfasst zudem eine Komponente zur Gedenkkultur, basierend auf dem Umstand, dass der einstmalige Tatort sich inmitten einer Kaserne des Österreichischen Bundesheeres befindet. In Zusammenarbeit mit diesem Partner werden daher Formen eines Gedenkens entwickelt, die dem Vorhaben auch Nachhaltigkeit geben werden.

 

Das Projektvorhaben ist auf eine Laufzeit von 14 Monaten ausgelegt, am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) beheimatet und wird von Nicole-Melanie Goll in Zusammenarbeit mit Georg Hoffmann bearbeitet.

Abstellgleis Strasshof

 

Ungarisch-jüdische Zwangsarbeit im Raum Wien (1944-1945)

 

Nach der deutschen Besetzung veranlasste die ungarische Regierung 1944 zwischen Mai und Juli die Deportation von 440.000 Juden. Die meisten von ihnen kamen nach Auschwitz. Ende Juni wurden 15.000 Juden aus vier ungarischen Durchgangslagern (Baja, Debrecen, Szeged und Szolnok) aber nicht nach Auschwitz, sondern nach Strasshof an der Nordbahn deportiert, einem Durchgangslager in der Nähe von Wien. Unter den Deportierten befanden sich meistens Juden, die in vielen Siedlungen, Städten und kleinen Dörfern Südungarns gelebt hatten. Im Lager Strasshof wurde ein regelmäßiger ‚Sklavenmarkt‘ eröffnet, um den Anforderungen österreichischer Unternehmer - sowohl privater als auch kommunaler - gerecht zu werden, die dringend Arbeitskräfte in ihren Fabriken und Betrieben benötigten. Die deportierten Familien mussten in Wien und in Niederösterreich auf Bauernhöfen, im Handel und insbesondere in der Kriegsindustrie arbeiten.

 

Hauptabsicht des, von der ungarischen Forschungsförderungsagentur NKIF und dem Fonds zur Förderung der Wissenschaft (FWF) finanzierten Gemeinschaftsprojekts der Universität Szeged (SZTE) und des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI) ist es, eine transnationale Geschichte der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeit in Wien und Umgebung zu verfassen. Dabei ist es das Ziel, das im Frühling 2018 abgeschlossene, von der Stiftung EVZ geförderte Forschungsprojekt des VWI mit neuen, noch nicht erforschten, unbekannten oder noch nicht verarbeiteten Dokumenten weiterzuentwickeln. Um die gesamte Geschichte der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeit in Wien und Umgebung zu verstehen, muss auch das Archivmaterial jener Unternehmen und Siedlungen einbezogen werden, in denen jüdische Deportierte in den Jahren 1944/1945 arbeiteten: Darüber hinaus auch die Zeugenaussagen von Überlebenden, die über die Ereignisse, Deportationen und Zwangsarbeit in vielerlei Formen berichteten – zu diesem Zweck werden auch die unterschiedlichsten Foren auf der ganzen Welt lokalisiert und in die Arbeit einbezogen werden.

 

Im Vorgängerprojekt des VWI wurden zwar Zeugnisse und Quellen - vor allem für Zwangsarbeit in Wien – gesammelt, dennoch bedarf es aber weiterer intensiver Archiv- und Museumsforschungen, einschließlich einer intensiven Recherche privater Sammlungen, der Umstände der Abschiebung und Zwangsarbeit in Wien und Umgebung, der Bedingungen für die Rückkehr nach Ungarn und der rechtlichen Schritte nach dem Krieg.

 

Ein weiteres Ziel ist es, die bestehende zweisprachige (ungarische und deutsche) Website und Datenbank von VWI um das ungarische Kapitel der Deportation, die Vorgeschichte des Zwangsaufenthaltes in Wien und Umgebung auszubauen. Die Website wird auch Forschern und Laien in englischer Sprache zur Verfügung stehen. Die Ergebnisse werden weiters Schulen und dem Hochschulbereich sowohl in Ungarn als auch in Österreich sowie lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Gedenkveranstaltungen zur Verfügung gestellt werden.

 

Das Vierjahresprojekt steht in Ungarn unter der Leitung der Szegeder Historikerin Judit Molnár, am VWI unter jener von Kinga Frojimovics.

Jüdische Sklaven in einer ,judenreinen' Stadt

 

Die Topographie der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeit in Wien 1944/45

 

Im Zuge einer VWI-Busgedenktour zu den Wiener Stätten, an denen ungarische Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter 1944/45 zum Einsatz kamen, wurde vom VWI-Team noch im Mai 2014 eine eigene Homepage auf Basis einer Wien-Karte programmiert, entwickelt und zum Teil auch schon bespielt: www.ungarische-zwangsarbeit-in-wien.at.

 

Dem bei der deutschen Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) im Rahmen des Programms Zwangsarbeit und vergessene Opfer. Erinnern an NS-Unrecht in der Folge eingereichten Projektantrag zum weiteren Ausbau dieser Homepage bzw. der Entwicklung kleiner, multifunktional verwendbarer Stadtführer wurde Anfang Mai 2015 stattgegeben.

 

Gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern aus Ungarn und Deutschland begannen drei MitarbeiterInnen des VWI in Kooperation mit Expertinnen und Experten aus Ungarn und Deutschland sowie weiteren extern hinzugezogenen Fachkräften an der konkreten Umsetzung bzw. den Recherchearbeiten. Im Rahmen des Vorhabens wird die Geschichte ungarisch-jüdischer Zwangsarbeit in Wien – so der Antragstext – relokalisiert und damit das Wissen um diese vergessene Geschichte sowohl in Österreich und Ungarn als auch in Deutschland reetabliert. Konkret soll das genannte Thema unter Zuhilfenahme von Materialien aus öffentlichen und privaten Archiven, audiovisuellen Quellen, Fotografien und Karten etc. topografisch verortet und somit wieder in die Wiener Stadtgeschichte eingeschrieben werden. Resultat der Arbeit ist ein zweisprachiger (Deutsch und Ungarisch), vielfach einsetzbarer Stadtführer zur Geschichte der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeit in Wien 1944/45, ebenso eine interaktive Website, auf der die Informationen niederschwellig und topografisch dargestellt werden, sowie letztlich eine Datenbank, die für wissenschaftliche Forschungszwecke die Ergebnisse der Arbeit zur Verfügung stellt.

 

Das Projekt wurde im Frühling 2018 abgeschlossen.

 

Im Dezember 2019 wurde einem Antrag auf ein Folgeprojekt mit der Universität Szeged als Projektpartnerin beim ungarischen Nationalen Büro für Forschung, Entwicklung und Innovation (NKFIH) und beim FWF mit dem Titel Abstellgleis Strasshof. Ungarisch-jüdische Zwangsarbeit im Raum Wien (1944-1945) stattgegeben.

European Holocaust Research Infrastructure (EHRI)

 

Das VWI ist seit 2010 Mitglied eines von der EU geförderten Forschungskonsortiums. Hauptziel der European Holocaust Research Infrastructure (EHRI) ist es, nachhaltige Möglichkeiten der Vernetzung zu entwickeln. Dabei sollen neuartige Dokumentationsmethoden und Forschungsleitlinien zu bisher nur national genutzten Forschungsinfrastrukturen ausgearbeitet werden. In der ersten Phase von EHRI zwischen 2010 und 2014 entwarf das Vorhaben mit allen Konsortiumsmitgliedern Online-Hilfsmittel, verknüpfte Datenbanken verstreuter Archive mit holocaustbezogenen Dokumenten und entwickelte neue Forschungsthemen und mögliche Fragestellungen.

 

Das von 20 Forschungseinrichtungen aus zwölf europäischen Staaten – Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, der Tschechischen Republik und Ungarn – und Israel im Rahmen des 7. Förderprogramms der EU beantragte und von der Europäischen Kommission mit einer Fördersumme von insgesamt sieben Millionen Euro bewilligte Projekt schuf in seiner vierjährigen Laufzeit Strukturen für eine dauerhafte Vernetzung der europäischen Forschungs- und Archivressourcen zur Geschichte des Holocausts. Wichtigste Partner waren Yad Vashem (Jerusalem), CEGES- SOMA (Brüssel), das King’s College (London), das Jüdische Museum in Prag, das Institut für Zeitgeschichte in Berlin und München sowie NIOD, Institute for War, Holocaust and Genocide Studies (Amsterdam), das die Koordination des Gesamtprojekts innehatte.

 

Das VWI entwickelte im Rahmen von Work Package 2 des Projekts – gemeinsam mit dem Jüdischen Museum in Prag, der Forschungsstelle Terezín, Yad Vashem und dem Budapester Holocaust Gedächtniszentrum und in enger Zusammenarbeit mit dem Archiv der IKG Wien – einen Forschungsleitfaden für holocaustbezogene Archive jüdischer Gemeinden in Ost- und Mitteleuropa und erstellte infrastrukturelle und netzwerkbezogene Hilfsmittel für archivalische Ressourcen. Das Projekt wurde 2015 um vier Jahre verlängert.

 

Im Rahmen von EHRI-2 erkundete das VWI die Möglichkeiten einer Nachhaltigkeit und Erweiterung der in EHRI-1 entwickelten Infrastrukturen, aber auch Wege und Möglichkeiten, verstreute, klein und kaum bekannte, aber für die Holocaustforschung relevante Sammlungen zugänglich(er) zu machen, die Forschungsinfrastruktur um digitale Plattformen, Repositorien und Datenbanken bzw. internetbasierte Lehrpläne, Ausstellungen und Präsentationen zu bestimmten Forschungsprojekten und/oder Fallstudien in der Holocaust-Forschung zu erweitern.

 

Im Fokus standen dabei aktuelle Fragen digitaler Archivbestände in Mitteleuropa mit dem Ziel, Richtlinien und Verfahren auf organisatorischer und rechtlicher Ebene zur Transnationalisierung von Holocaust-Forschungsnetzwerken und -archiven zu diskutieren und zu entwickeln, wobei lokale Ansätze und regionale Aspekte der aktuellen Nutzung von holocaustbezogenen Quellen im Vordergrund standen. Die Verknüpfung solcher lokalen Ansätze mit anderen Projekten aus Mitteleuropa sollte die Schaffung eines Netzwerks von und für diese Initiativen ermöglichen, das die ethnischen, sprachlichen und/oder nationalen Grenzen überschreitet und damit die bisherigen Hindernisse für eine Öffnung von Räumen für innovative Ansätze überwindet.

 

Weiters wurde das Institut auch in das Fellowship-Programm von EHRI einbezogen und konnte so im Projektzeitraum acht Fellows wissenschaftlich betreuen und sie in die Forschungsarbeit des Instituts einbeziehen.

 

EHRI-2, in dessen Rahmen das VWI auch die Workshops Transnational meets Local: Making Holocaust Research Projects and Infrastructures Sustainable by Using Digital Archives, Electronic Repositories, and Internet Platforms on Local and Regional Levels (19./20. November 2018) sowie “It Happened Here!” 
Digital and Shared: Holocaust History in Public Space (1./2. April 2019) organisierte, wurde im Oktober 2019 abgeschlossen.

 

Im Rahmen eines, ebenfalls von der EU geförderten, dreijährigen Projekts wird ab Februar 2020 die Gründung eines europäischen Forschungskonsortiums zur Holocaustforschung im Rahmen des Europäischen Strategieforums für Forschungsinfrastrukturen (ESFRI) vorbereitet.

 

Die Strategie europäische Forschungsinfrastrukturen zu etablieren zielt darauf ab, Grenzen zu überwinden, die sich aus der Fragmentierung einzelner, nationaler Forschungspolitiken ergeben, und bietet die Möglichkeit, auf neue Fragestellungen rasch zu reagieren und auch die wissensbasierten Technologien und deren erweiterten Einsatz voranzutreiben.

 

Im Rahmen dieses Projekts wird sich das VWI vorerst am Aufbau einer österreichischen Holocaustforschungsinfrastruktur beteiligen.

 

EHRI Logo

ns-quellen.at

 

Das allererste Projekt des VWI widmete sich dem Themen Vermögensentzug zwischen 1938 und 1945 und Rückstellung und Entschädigung nach 1945. Die Ergebnisse der Arbeit wurden auf einer vom forschungsbüro. Verein für wissenschaftliche und kulturelle Dienstleistungen ausgearbeiteten und betreuten Internetplattform präsentiert und zugänglich gemacht.

 

Die Plattform versteht sich als Wegweiser. Man erhält hier detaillierte Informationen über jene Hilfsmittel, die bei Recherchen wertvolle Dienste leisten können. Man erfährt, in welchen österreichischen Archiven Akten über den Vermögensentzug zu finden sind, wo man nachschauen kann, wenn man etwas über den Entzug der Staatsbürgerschaft wissen möchte, wie man vorgeht, wenn man in Erfahrung bringen möchte, ob ein konkretes Grundstück oder eine Mietwohnung arisiert worden ist. ns-quellen.at bietet einen Überblick über die gesetzlichen Grundlagen sowohl des NS-Vermögensentzugs wie auch der Rückstellung und Entschädigung durch die Republik Österreich nach 1945. Alle in diesem Zusammenhang relevanten Gesetze sind hier versammelt und im Originaltext direkt zugänglich. Zusätzlich gibt es Literaturhinweise und Erklärungen einzelner Begriffe in einem Glossar.

 

Die Plattform begreift sich als Portal. Sie erspart zwar nicht den Weg ins Archiv, kann aber die dortige Arbeit erleichtern.

 

Das Portal ging Anfang 2011 online und wird seither laufend betreut, zum Teil auch aktualisiert.

 

Forschungsschwerpunkte

 

Anlässlich seiner Sitzungen thematisierte der Internationale Wissenschaftliche Beirat des VWI immer wieder eine Diskussion über mögliche künftige Forschungsfelder des Instituts.

 

Unter dem Titel Europäische Perspektiven der Holocaustforschung entwickelte schließlich eine Subkommission des Beirats noch 2012, bestehend aus den Beiräten Gustavo Corni, Susanne Heim, Peter Longerich und Dieter Pohl, Themenfelder, die in den nächsten Jahren in den Fokus der wissenschaftlichen Tätigkeit des VWI rücken sollten. Diese Schwerpunkte sollen gewährleisten, dass das VWI zu einer wichtigen, den wissenschaftlichen Diskurs mittragenden Institution, zu einem mitteleuropäischen Kompetenzzentrum im Bereich der Holocaust-Forschung wird.

 

Das Positionspapier Europäisierung des Holocausts benennt thesenartig sechs Themenfelder: 

 

  • Antijüdische Gesetzgebung in Europa, 1919/1933 bis 1938/41,
  • Judenmord und europäische Öffentlichkeit,
  • Indigene Organisationen und der Holocaust außerhalb des Reiches,
  • Besatzungsverwaltungen, Achsenregime und der Holocaust,
  • Reaktionen jüdischer Organisationen und Gemeinden,
  • Reaktionen der neutralen Länder und Internationalen Organisationen auf die Judenverfolgung in Deutschland. 

 

Weitere Projekte befinden sich entweder in der Phase der Ausarbeitung oder Antragstellung.

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Aktuelle Publikationen

 

Voelkermord zur Prime Time

 

Hartheim

 

Grossmann

 

 

Weitere Publikationen


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