Forschungs-
projekte

Das VWI führt seit Beginn an Forschungsprojekte durch, die aus Drittmitteln finanziert werden. Selbst initiierte, konzipierte und bei nationalen, europäischen und internationalen Fördereinrichtungen eingereichte Vorhaben spielen dabei ebenso eine tragende Rolle wie transnationale Forschungsprojekte. Das Institut ist regelmäßig Konsortialmitglied in bilateralen und internationalen Projekten. Mit seinen Archiven und digitalen Access Points bietet es Forscher:innen erstklassigen Service.
Die eigene Forschung konzentriert sich auf die nachhaltige Nutzbarkeit und digitale Transformation der betreuten Archive sowie auf die Einbindung des VWI und Österreichs in die internationale Holocaustforschung.

© Klaus Pichler/VWI

Erschließung und Bestandserhaltung der beantworteten Korrespondenz Simon Wiesenthals und des Dokumentationszentrums des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes (1968-1991)

Im Laufe seines Lebens stand Simon Wiesenthal mit Tausenden von Privatpersonen in Kontakt, hauptsächlich mit Überlebenden und ihren Angehörigen, anderen Zeugen sowie mit Strafverfolgungsbehörden und verschiedenen jüdischen Organisationen auf der ganzen Welt, um Nazi-Verbrechen zu rekonstruieren und die Täter:innen vor Gericht zu bringen. Die Sammlung der erhaltenen Dokumente veranschaulicht auch akribisch die Hindernisse bei der Suche nach Gerechtigkeit im überwiegend gleichgültigen Nachkriegseuropa sowie die unermüdlichen Bemühungen und die Vernetzung von Überlebenden, Nichtregierungsorganisationen, Anwälten, Staatsanwälten, Historikern und anderen, um eben diese Hindernisse zu überwinden. Die erhaltenen Dokumente zeigen auch, wie Wiesenthal, der weltweit zu einer immer bekannteren öffentlichen Figur wurde, in der Lage war, kontinuierlich viele Menschen, potenzielle Zeugen und Freiwillige, in die tägliche Arbeit des Jewish Documentation Centre (JDC) einzubeziehen, um ehemalige Nazis und ihre Kollaborateure aufzuspüren. Darüber hinaus geben die erhaltenen Dokumente einen Einblick in die politischen Kämpfe verschiedener Menschenrechtsorganisationen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, da Wiesenthal Berater oder aktives Mitglied mehrerer von ihnen war. Die Katalogisierung ermöglicht es Forschenden, Medien und der interessierten Öffentlichkeit, diese einzigartige, heute noch weitgehend unbekannte Sammlung zu nutzen und damit eine lange ignorierte Facette der Erinnerungskultur ins öffentliche Bewusstsein zu rücken - in einer Zeit, in der der Kampf gegen die Aushöhlung der Demokratie, die Verharmlosung autoritärer bis faschistischer Tendenzen, Rassismus und steigender Antisemitismus wieder ganz oben auf der Tagesordnung stehen.

Das Projekt treibt die Erschließung und Bestandserhaltung der beantworteten Korrespondenz von Simon Wiesenthal und des BJVN von/nach Wien von 1968 bis 1991 weiter voran und macht mit einem knappen Vierteljahrhundert dieser unschätzbaren Sammlung gerade jene Zeit für die Forschung und Öffentlichkeit zugänglich, in der Wiesenthal und der BJVN in Österreich gegen die größten Widerstände anzukämpfen hatten. Den Schwerpunkt dieses Teils der Korrespondenz von Simon Wiesenthal bilden Informationen und der Austausch betreffend NS-Täterinnen und -Tätern und NS-Verbrechenskomplexe. Zahlreiche Informanten aus der ganzen Welt setzten Wiesenthal über die Namen, Aufenthaltsorte, Lebenswege dieser Personengruppe in der Nachkriegszeit in Kenntnis; er leitete diese Informationen an die Ermittlungsbehörden weiter. Wichtig sind auch die Kontakte und Stellungnahmen Wiesenthals gegenüber politischen Würdenträgern im In- und Ausland im Zusammenhang mit der Verjährung von Naziverbrechen in der ersten Hälfte der 1960er Jahre sowie im Zusammenhang mit antisemitischen und revisionistischen Aktivitäten.