Archiv
Das Archiv des VWI betreut neben seinem institutseigenen Archiv auch mehrere Sammlungen. Dazu gehört das Archiv des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes (Simon Wiesenthal Archiv) aus den ehemaligen Büros Simon Wiesenthals in Linz und Wien. Seit 2018 sind die holocaustbezogenen historischen Bestände des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien als Leihgabe im VWI untergebracht und nutzbar. Das Archiv übernimmt laufend Vor- oder Nachlässe von Personen, die sich mit dem Holocaust oder dessen Erforschung beschäftigt haben, sowie kleinere Sammlungen mit Holocaust-Bezug. Vor Ort können die Videointerviews des Austrian Heritage Archive (AHA), des Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, die Interview-Sammlung „Final Account: Third Reich Testimonies“, die Interviews der USC Shoah Foundation sowie des Videoarchivs der Refugee Voices genutzt werden.
Erschließung und Bestandserhaltung der sogenannten U-Post (1959–2005) im Simon Wiesenthal Archiv
Im Laufe seines Lebens stand Simon Wiesenthal mit Tausenden Privatpersonen in Kontakt – hauptsächlich mit Überlebenden und ihren Angehörigen, anderen Zeug:innen sowie mit Strafverfolgungsbehörden und verschiedenen jüdischen Organisationen auf der ganzen Welt, um Nazi-Verbrechen zu rekonstruieren und die Täter:innen vor Gericht zu bringen. Die Sammlung der erhaltenen Dokumente veranschaulicht auch akribisch die Hindernisse bei der Suche nach Gerechtigkeit in einem überwiegend gleichgültigen Nachkriegseuropa sowie die unermüdlichen Bemühungen und die Vernetzung von Überlebenden, Nichtregierungsorganisationen, Anwält:innen, Staatsanwält:innen, Historiker:innn und anderen, um eben diese Hindernisse zu überwinden. Die erhaltenen Dokumente zeigen auch, wie Wiesenthal, der weltweit zu einer immer bekannteren öffentlichen Figur wurde, in der Lage war, kontinuierlich viele Menschen, potenzielle Zeug:innen und Freiwillige, in die tägliche Arbeit des Jewish Documentation Centre (JDC) einzubeziehen, um ehemalige Nazis und ihre Kollaborateure aufzuspüren. Darüber hinaus geben die erhaltenen Dokumente einen Einblick in die politischen Kämpfe verschiedener Menschenrechtsorganisationen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, da Wiesenthal Berater oder aktives Mitglied mehrerer von ihnen war. Die Katalogisierung ermöglicht es Forscher:innen, Medien und der interessierten Öffentlichkeit, diese einzigartige, heute noch weitgehend unbekannte Sammlung zu nutzen und damit eine lange ignorierte Facette der Erinnerungskultur ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – in einer Zeit, in der der Kampf gegen die Aushöhlung der Demokratie, die Verharmlosung autoritärer bis faschistischer Tendenzen, Rassismus und steigender Antisemitismus wieder ganz oben auf der Tagesordnung stehen.
Das Projekt schließt die Erschließung der sogenannten U-Post, der unbeantworteten Post aus dem Büro von Simon Wiesenthal ab. In dieser Serie finden sich die Briefe, Postkarten oder sonstigen Sendungen, die an Simon Wiesenthal bzw. das Dokumentationszentrum gerichtet waren und allesamt unbeantwortet geblieben sind. Inhaltlich ist die Serie sehr heterogen. Es gibt Anfragen, Hinweise, Hilfsgesuche ebenso wie Schreiben von Spender:innen, Glückwünsche oder Dankesschreiben an Simon Wiesenthal.