ZWEITE SIMON WIESENTHAL LECTURE DES VWI:
LEONARD H. EHRLICH: GESCHÄTZT UND GESCHOLTEN:
BENJAMIN MURMELSTEIN IN WIEN 1938-43


Dienstag, 13. Mai 2008, 18:30 Uhr
Ort: Jüdisches Museum Wien, Dorotheergasse 11, A-1010 Wien

Moderation: Doron Rabinovici

Leonard H. und Edith Ehrlich arbeiten seit vielen Jahren an einer Studie über die Entscheidungsspielräume jüdischer Funktionäre im nationalsozialistischen Wien und in Theresienstadt. 1977 haben sie in Rom ein ausführliches, durch Tonbandaufnahmen dokumentiertes Gespräch mit dem Wiener Rabbiner Dr. Benjamin Murmelstein geführt, dessen zentrale Rolle bei der Auswanderung und Deportation der jüdischen Bevölkerung Wiens Gegenstand zweier Veranstaltungen im Jahr 2007 war: der Ausstellung „Ordnung muss sein – Das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien“ (Juli-Oktober 2007) sowie der erstmaligen Leinwandpräsentation des von Claude Lanzmann 1975 mit Dr. Murmelstein gedrehten Filminterviews im Österreichischen Filmmuseum (14. Oktober 2007).

Leonard H. Ehrlich: „Von Juni 1938 bis zu seiner Deportierung nach Theresienstadt im Jänner 1943 war Dr. Benjamin Murmelstein die rechte Hand des Leiters der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Josef Löwenherz. In dieser Zeitspanne war Murmelstein als Person wie auch in der Ausübung seines Amtes umstritten. Der schlechte Ruf, der Murmelstein auch nach Theresienstadt folgte, hatte seinen Niederschlag in den Nachkriegsschriften, selbst in denen jener Forscher, die als maßgebend gelten. Die negative Bewertung der Leistung der beiden Wiener Funktionäre bezog sich paradigmatisch auf die Handlungen der Judenräte überhaupt. Unsere Erforschung der Situation, unter der Murmelstein und Löwenherz Ihre Funktion ausüben mussten, der Wahl, die sie selbst in dem Dunkel des ideologisch bedingten Judenhasses treffen konnten, und der Handlungen, die sie trotz des unbezwingbaren Drucks im Interesse der Juden durchsetzten konnten, zeigten ein Profil von Murmelstein und Löwenherz, demgegenüber das des schlechten Rufes sich als Zerrbild erweist.“

Im Vortrag und in der anschließenden Diskussion erörterten Leonard H. und Edith Ehrlich auch die Wahl ihres Forschungsthemas, den jahrelangen Forschungsverlauf und die Gestaltung ihres Buches.

Ältestenrat Theresienstadt

 

 

 



Leonard H. Ehrlich, Professor der Philosophie und der Judaistic. – Geb. 1924 in Wien. Chajesrealgymnasium 1934-38. Hachscharah Sommer 1939. Emigration in die USA Nov. 1939. – US Army 1943-45; Frontdienst als Sanitäter Elsass, SW Deutschland und Tirol (verwundet am Fernpass). – Studium Chicago, Basel (Jaspers, Barth), Yale (Ph.D. 1960). – Lehrte seit 1956 Philosophie an der Univ. of Massachusetts at Amherst; gründete und leitete das Dept. of Judaic Studies; emeritiert 1991. – Gast Professor: Freiburg i. Br. 1973-74, Kassel 1988, Mainz 1990. – Gründer der Karl Jaspers Society of North America und der International Association of Jaspers Societies. Organisator (mit Richard Wisser, Mainz) der Internationalen Jaspers-Konferenzen (Montreal 1983, Brighton 1988, Moskau 1993, Boston 1998, Istanbul 2003). Ehrenmitglied der Internationalen Franz Rosenzweig-Gesellschaft.

Publikationen: Zahlreiche Beiträge in internationalen Jahrbüchern u. Sammelbänden. Autor, Herausgeber, Übersetzer von Büchern über bzw. von Karl Jaspers; Studien über Fundamentalphilosophie und jüdische Philosophie.
Noch nicht veröffentlicht: Unter Mitarbeit von Dr. Edith Ehrlich née Schwarz “Choices under Duress of the Holocaust. Vienna 1938-1945. Theresienstadt 1941-1945.” Z. T. unterstützt durch Stipendium der National Endowment for the Humanities (1982-1984). Historische und philosophisch-kritische Studie über die Ausübung der Leitung der IKG in Wien durch Löwenherz und Murmelstein, bzw. der Selbst-Verwaltung des Ghetto Theresienstadt durch Murmelstein (und dessen Vorgängern, Edelstein und Eppstein), mit Berücksichtigung der relevanten weiten und engeren Kontexte.


Doron Rabinovici, Dr., geb. 1961 in Tel Aviv, lebt seit 1964 in Wien. Preise u.a.: Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg (2002), Jean-Améry-Preis (2002), Willy und Helga Verkauf-Verlon Preis (2007). – Mit seinem Buch „Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat“ (2000) hat Doron Rabinovici eine umfassende Studie zur jüdischen Gemeinde Wiens in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft vorgelegt. Auszüge aus jenen Abschnitten, in denen sich Rabinovici mit Benjamin Murmelstein beschäftigt, wurden im Ausstellungskatalog „Ordnung muss sein. Das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien“ (2007) wiederabgedruckt.

 

Auditorium
Doron Rabinovici
Denise Rein, Lothar Hölbling
Leonard Ehrlich
Andreas Mailath-Pokorny, Alfred Stalzer
Leonard Ehrlich
Siegfried & Sylvia Mattl, Doron Rabinovici
Auditorium
Dr. Karl Albrecht-Weinberger
Podium
Mag. Dr. Ingo Zechner
Auditorium
Auditorium
Edith Ehrlich und Leonard Ehrlich
Dr. Andreas Mailath-Pokorny
Thomas Michael Baier
Hölbling, Mailath-Pokorny, Zechner
Leonard Ehrlich und Doron Rabinovici
Prokisch, Milchram, Kalwil, Krohn
Jonny Moser
Anton Pelinka
Rudolf Gelbard
Georg Haber
Pierre Genée