TAGUNG: 7.–8. JUNI 2006
THE LEGACY OF SIMON WIESENTHAL FOR HOLOCAUST STUDIES


Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien
Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften

Veranstaltungsort: IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien

Dieser Vortrag wurde live auf dieser Website übertragen und ist im Videoarchiv abrufbar.
Klicken Sie auf das Bild!
 
Donnerstag, 8. Juni, 10:30 Uhr
 
Michael Wildt

Die Strafverfolgung der Täter des Reichssicherheits-hauptamtes im Nachkriegsdeutschland
 
Beim Zusammenbruch des NS-Regimes begingen nur wenige Angehörige des Reichssicherheitshauptamtes Selbstmord; etliche konnten untertauchen und fliehen. Der einzige Prozeß gegen die RSHA-Elite, der tatsächlich stattfand, war der Einsatzgruppen-Prozeß 1947/48. Allerdings zeigen die Nachkriegskarrieren der ehemaligen RSHA-Elite, daß Vorstellungen einer nahtlosen Kontinuität oder gar Restauration der NS Eliten nicht der Wirklichkeit entsprechen. Am leichtesten, wieder in die alten Positionen zu kommen, war es für die ehemaligen Kriminalbeamten, während die Quote der Rückkehrer in den Staatsdienst bei den ehemaligen Verwaltungsjuristen der Gestapo erkennbar niedriger lag.
Diese arbeiteten daher entweder im halbstaatlichen Bereich als Verbandsfunktionäre oder als selbständiger Rechtsanwalt bzw. Wirtschaftsjurist in einem Unternehmen. Viele der ehemaligen akademisch ausgebildeten SD-Angehörigen fanden im Medienbereich, kaum an der Universität, eine Stelle. Die politische Blindheit der deutschen Nachkriegsgesellschaft für die NS Verbrechen, wie sie sich insbesondere in den Verjährungsdebatten wiederfindet, schlug sich auch in einer weitgehenden Abstinenz bei der juristischen Verfolgung nieder. Der erst seit Beginn der 1960er Jahre umfassend geplante Prozeß gegen die RSHA-Führungsangehörigen brach bereits 1968 aufgrund eines juristischen Formfehlers bei der Novellierung eines Bundesgesetzes zusammen. Nur wenige Prozesse konnten danach erfolgreich geführt werden. Obwohl die Verurteilungsbilanz zweifellos unzureichend ausfällt, sorgte doch die Ermittlungstätigkeit der Staatsanwaltschaften dafür, daß die unbeschwerten 1950er Jahre für die NS-Täter, in denen sie sich vor Strafverfolgung sicher glaubten, vorbei waren.
 
 
Curriculum Vitae, Publikationen
 
Michael Wildt, Prof. Dr., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hannover. Studium der Geschichte, Evangelischen Theologie, Soziologie und Kulturwissenschaft an der Universität Hamburg. Promotion 1991 mit einer Dissertation über die Entwicklung des Konsums in der Bundesrepublik Deutschland in den fünfziger Jahren. 1992–1997 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg; 2001 Habilitation für das Fach Neuere Geschichte. Im Wintersemester 2001/2002 war er Research Fellow am International Institute for Holocaust Research in Yad Vashem, Jerusalem. Mitherausgeber der Zeitschriften WerkstattGeschichte und Historische Anthropologie. Arbeitsschwerpunkt: Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den Schwerpunkten Nationalsozialismus, Antisemitismus, Ordnungskonzepte und Weltanschauungen.

„Volksgemeinschaft“ als politischer Topos in der Weimarer Republik, in: Alfred Gottwaldt, Norbert Kampe, Peter Klein (Hg.), NS-Gewaltherrschaft. Beiträge zur historischen Forschung und juristischen Aufarbeitung (Berlin, 2005), S. 23–39; Erich Ehrlinger – ein Vertreter „kämpfender Verwaltung“, in: K.-M. Mallmann/G. Paul (Hg.), Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien (Darmstadt, 2004); (Hg.): Nachrichtendienst, politische Elite, Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (Hamburg, 2003); Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes (Hamburg, 2002); Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42, hg. gemeinsam mit Peter Witte/Martina Voigt/Dieter Pohl/Peter Klein/ Christian Gerlach/Christoph Dieckmann/Andrej Angrick (Hamburg, 1999); Die Judenpolitik des SD 1935–1938. Eine Dokumentation, Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 71 (München, 1995).