Die
so genannten Rasseexperten der SS aus dem Rasse- und Siedlungshauptamt
der SS (RuSHA) waren eine Gruppe von Sozialingenieuren, die als Theoretiker
und Praktiker für die ethnische Umstrukturierung des besetzten
Europa im Zweiten Weltkrieg verantwortlich zeichneten. Im Rahmen der
nationalsozialistischen „Germanisierungspolitik“ planten
sie Umsiedlungsaktionen und führten diese auch durch. Vor allem
aber wählten sie mithilfe eines rassenanthropologischen Klassifikationsverfahrens
diejenigen volksdeutschen und nichtdeutschen Menschen aus, denen – qua
rassischer „Wertigkeit“ – ein Platz im „germanischen
Europa“ zugestanden wurde. In ihren Rassegutachten über
zwangsvertriebene Polen, osteuropäische Zwangsarbeiter und „fremdvölkische
Kinder“ entschieden sie nicht selten über Leben und Tod,
immer jedoch über individuelle Schicksale.
Der Beitrag möchte die Expertengruppe zunächst kollektivbiographisch
verorten: Wer waren diese Männer, welche Ausbildung hatten sie durchlaufen,
welche Funktionen übten sie während des Krieges aus? Darauf
aufbauend stellt sich die Frage, wie diese Gruppe von überzeugten
Rassisten den Übergang in die westdeutsche und österreichische
Nachkriegsgesellschaft erlebte: Gab es relevante Anstrengungen zur Strafverfolgungen
und wurden die Angeklagten tatsächlich verurteilt? Schließlich
sollen exemplarische Nachkriegskarrieren erörtert werden, um zu
demonstrieren, wie den ehemaligen Rasseexperten der Übergang in
die zivile Nachkriegsgesellschaft gelang und inwiefern es Rückzugsräume
für rassistisches Denken gab, etwa in akademischen Disziplinen wie
der Humangenetik und der Anthropologie.
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Isabel
Heinemann, Dr., ist seit 2002 wissenschaftliche Assistentin
am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität
Freiburg. 1993-1996 Studium der Neueren und Neuesten Geschichte,
der Mittleren Geschichte und der Neueren Deutschen Literaturgeschichte
an der Universität Freiburg; 1997-2001 Promotion in Geschichte
an der Universität Freiburg; 1999 Sommer-Stipendium am Center
for Advanced Holocaust Studies am United States Holocaust Memorial
Museum, Washington D.C; 2004-2006 Konzeption einer Ausstellung zum „Generalplan
Ost“ für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im
Rahmen der Erforschung der Geschichte der DFG im Nationalsozialismus
(Eröffnung 27.9.2006).
“Another
Type of Perpetrator: The SS Racial Experts and Forced Population
Movements in the Occupied Regions”, in: Holocaust and Genocide
Studies 15,3 (2001). S. 387-411; "Rasse, Siedlung, deutsches
Blut": Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische
Neuordnung Europas (Göttingen, 2003); „‚Wiedereindeutschungsfähig’ oder ‚unerwünschter
Bevölkerungszuwachs’. Die Bedeutung der ‚Rassenauslese’ in
der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik“, in: Diehl,
Paula (Hg.): Körperbilder und Körperpraxen im Nationalsozialismus
(erscheint 2006); „‚Deutsches Blut’: Die Rasseexperten
der SS und die Volksdeutschen“, in: Kochanowski, Jerzy / Sach,
Maike (Hg.): Die "Volksdeutschen" in Polen, Frankreich,
Ungarn und der Tschechoslowakei. Mythos und Realität, Einzelveröffentlichungen
des DHI Warschau, 12 (erscheint 2006); Herausgeberin gemeinsam mit
Patrick Wagner, Wissenschaft, Planung, Vertreibung: Neuordnungskonzepte
und Umsiedlungspolitik im 20. Jahrhundert (Stuttgart, 2006).
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