FILMPRÄSENTATION UND DISKUSSION: 16. JÄNNER 2008, 20.30 UHR (OPEN END)
ÖSTERREICHISCHES FILMMUSEUM: FILMDOKUMENTE ZUR ZEITGESCHICHTE
TEIL 1: ERINNERUNG AN DIE LAGER

 

Ort: Österreichisches Filmmuseum, 1010 Wien, Augustinerstrasse 1 (im Gebäude der Albertina)

Der erste Abend der neuen Reihe Filmdokumente zur Zeitgeschichte, zugleich der erste Diskussionsabend im „Bedenkjahr“ 2008, behandelte das für die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie für den Dokumentarfilm paradigmatische, traumatische Ereignis: die NS-Konzentrationslager.

Die Britische Armee fertigte bei der Befreiung des KZ Bergen-Belsen im April 1945 Filmdokumente an, die bereits zum damaligen Zeitpunkt als juristisches und als ästhetisches Problem erkannt wurden. Die Kameraleute wussten nicht, wie sie mit den Gräueln, mit denen sie sich konfrontiert sahen, umgehen sollten; ihre Versuche, vom Ausmaß des Sterbens filmisch Zeugnis abzulegen scheiterten an der Unfähigkeit der Filmapparatur und der erprobten Dramaturgien, den Terror der Lager darstellen zu können.

Das damals produzierte Material widersetzte sich auch seiner Überführung in eine funktionierende Erzählung – die Herstellung eines dokumentarischen Langfilms unter Beratung von Alfred Hitchcock war weit fortgeschritten, scheiterte jedoch schlussendlich an ästhetischen, ethischen und politischen Bedenken, wenngleich das Material als filmisches Beweismittel Eingang in die Nürnberger Prozesse fand. Eine restaurierte Fassung mit Kommentarton wurde jedoch erst in den 1980er Jahren uraufgeführt. Memory of the Camps ist ein beunruhigendes und erschütterndes Dokument dafür, wie herkömmliche dokumentarische Formen vor dem Ausmaß der NS-Verbrechen versagen. Ein Erfahrungsbruch, der noch heute in die Dokumentarfilmdebatten ragt.

OeFM


MEMORY OF THE CAMPS [unvollendet], 1945

Produzent: Sidney Bernstein
Künstlerische Beratung: Alfred Hitchcock
Schnitt: Stewart McAllister, Peter Tanner
s/w, 57 Minuten, überwiegend stumm

Der Gast des Abends, Toby Haggith (Kurator am Imperial War Museum, London, Co-Herausgeber von Holocaust and the Moving Image (Wallflower Press, 2005)), präsentierte das Filmfragment sowie zusätzliches Filmmaterial, das im Zuge der Befreiung von Bergen-Belsen entstand. Gemeinsam mit dem Historiker Bertrand Perz (Universität Wien, VWI) wurde das Dilemma dokumentarischer Repräsentation der Shoa sowie der Einfluß dieser Bilder auf ein mediales Gedächtnis diskutiert. Durch den Abend führten Michael Loebenstein (Österreichisches Filmmuseum) und Siegfried Mattl (Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft, VWI).

Eine Veranstaltung des Filmmuseums und des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Gesellschaft, in Kooperation mit der Universität Wien, dem Imperial War Museum (London) und dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI). Mit Unterstützung des Zukunftsfonds der Republik Österreich.

Die von Michael Loebenstein und Siegfried Mattl kuratierte Reihe stellt einmal im Monat rare Archivmaterialien aus der Sammlung des Hauses vor und vermittelt diese auf mehreren Ebenen. Im Zentrum steht das Spannungsverhältnis von Film und Geschichte selbst: Film ist zugleich Zeugnis vergangener Begebenheiten – als Dokument des „Was-gewesen-ist“ – und eine eigenständige Form der Geschichtsschreibung: eine spezifische mediale Umformung der Wirklichkeit.

Die Abende sind durchgängig moderiert; die Begegnung mit filmischen Artefakten wird erweitert durch Einführungen und Diskussionen mit dem Publikum sowie geladenen Expert/innen. Zu jedem Termin werden im Vorfeld Textmaterialien erarbeitet und im Internet zugänglich gemacht; darüber hinaus wird jede Veranstaltung auf Video dokumentiert. Ziel der Reihe ist es, eine neuartige Schnittstelle zwischen Archiv, Wissenschaft und Öffentlichkeit anzubieten.

Österreichisches Filmmuseum: www.filmmuseum.at

 

Filmmuseum LBI IWM
Uni Wien VWI