VIERTE SIMON WIESENTHAL LECTURE:
MARIANNE HIRSCH UND LEO SPITZER: SPAZIERGANG IN DER HERRENGASSE
STRASSENFOTOS AUS DEM JÜDISCHEN CZERNOWITZ


Dienstag, 26. Mai 2009, 18:30 Uhr
Ort: Jüdisches Museum Wien, Dorotheergasse 11, A-1010 Wien

Im Habsburgerreich als "Wien des Ostens" bezeichnet, beherbergte Czernowitz eine lebendige deutschsprachige jüdische Gemeinde, die während des Zweiten Weltkrieges beinahe vollständig vertrieben oder vernichtet wurde. Doch die Erinnerung an Czernowitz lebt fort, überliefert von Überlebenden und ihren Nachkommen, "gleich einem wunderbaren Geschenk" und einem "unbarmherzigen Fluch", wie Aharon Appelfeld schreibt. Spuren des alten Czernowitz zeigen sich uns in historischen Berichten, Memoiren, Dokumenten und literarischen Werken, darunter eindrucksvolle Beiträge von den in Czernowitz geborenen Schriftstellern Paul Celan, Gregor von Rezzori und Rose Ausländer.
In ihrem Vortrag wenden sich Marianne Hirsch und Leo Spitzer vorwiegend visuellen Materialien aus Familienalben und -sammlungen zu, um Zugang zur Welt des jüdischen Czernowitz vor seiner Zerstörung zu finden. Insbesondere untersuchen sie alltägliche Straßenfotos, die vor dem Zweiten Weltkrieg und während der Besatzung durch rumänische Faschisten und ihre Alliierten aus Nazi-Deutschland in den Straßen der Stadt aufgenommen wurden. Was können wir über diese reiche und vielfältige Vergangenheit aus diesen gewöhnlichen und scheinbar opaken Bildern erfahren? Zu unserem Erstaunen entdecken wir, dass sie uns viel lehren können, indem sie sowohl mehr als auch weniger enthüllen, als wir erwarten.

Marianne Hirsch ist William Peterfied Trent Professorin für Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University New York und Co-Direktorin des Instituts für Frauen- und Geschlechterforschung. Jüngste Publikationen: Family Frames: Photography, Narrative, and Postmemory (1997); The Familial Gaze (1999); eine Sonderausgabe von Signs über "Gender and Cultural Memory" (2002) und Teaching the Representation of the Holocaust (2004). Zurzeit arbeitet sie an der Fertigstellung eines Buches mit dem Titel "The Generation of Postmemory: Gender, Visuality and the Holocaust".

Leo Spitzer ist Kathe Tappe Vernon Professor Emeritus für Geschichte am Dartmouth College und Gastprofessor für Geschichte an der Columbia University. Jüngste Publikationen: Lives in Between: Assimilation and Marginality in Austria, Brazil and West Africa (1990, 1999); Hotel Bolivia: The Culture of Memory in a Refuge from Nazism (1998); deutschsprachige Ausgabe: Hotel Bolivia: Auf den Spuren der Erinnerung an eine Zuflucht vor dem Nationalsozialismus (2003) und der von ihm mit herausgegebene Band Acts of Memory: Cultural Recall in the Present (1999). Er hat darüber hinaus zahlreiche Artikel über den Holocaust und jüdische Flüchtlings-Erinnerung und ihre Weitergabe über Generationen verfasst. Zurzeit arbeitet er an der Herausgabe der KZ-Erinnerungen "Ein Arzt im Lager" von Arthur Kessler.

Im Herbst 2009 erscheint ihr gemeinsames Buch Ghosts of Home: The Afterlife of Czernowitz in Jewish Memory (University of California Press).