Ort: Österreichisches Filmmuseum, 1010 Wien, Augustinerstrasse 1
(im Gebäude der Albertina)
Der erste Abend der neuen Reihe Film- dokumente zur Zeitgeschichte, zugleich
der erste Diskussionsabend im „Bedenkjahr“ 2008, behandelte das für die
Geschichte des 20. Jahrhunderts wie für den Dokumentarfilm paradigmatische,
traumatische Ereignis: die NS-Konzentrationslager.
Die Britische Armee fertigte bei der Befreiung des KZ Bergen-Belsen
im April 1945 Filmdokumente an, die bereits zum damaligen Zeitpunkt
als juristisches und als ästhetisches Problem erkannt wurden. Die
Kameraleute wussten nicht, wie sie mit den Gräueln, mit denen sie sich
konfrontiert sahen, umgehen sollten; ihre Versuche, vom Ausmaß des
Sterbens filmisch Zeugnis abzulegen scheiterten an der Unfähigkeit der
Filmapparatur und der erprobten Dramaturgien, den Terror der Lager
darstellen zu können.
Das damals produzierte Material widersetzte sich auch seiner Überführung
in eine funktionierende Erzählung – die Herstellung eines dokumentarischen
Langfilms unter Beratung von Alfred Hitchcock war weit fortgeschritten,
scheiterte jedoch schlussendlich an ästhetischen, ethischen und politischen
Bedenken, wenngleich das Material als filmisches Beweismittel Eingang in
die Nürnberger Prozesse fand. Eine restaurierte Fassung mit Kommentarton
wurde jedoch erst in den 1980er Jahren uraufgeführt. Memory of the Camps
ist ein beunruhigendes und erschütterndes Dokument dafür, wie herkömmliche
dokumentarische Formen vor dem Ausmaß der NS-Verbrechen versagen. Ein
Erfahrungsbruch, der noch heute in die Dokumentarfilmdebatten ragt.
MEMORY OF THE CAMPS [unvollendet], 1945
Produzent: Sidney Bernstein
Künstlerische Beratung: Alfred Hitchcock
Schnitt: Stewart McAllister, Peter Tanner
s/w, 57 Minuten, überwiegend stumm
Der Gast des Abends, Toby Haggith (Kurator am Imperial War Museum, London,
Co-Herausgeber von Holocaust and the Moving Image (Wallflower Press, 2005)),
präsentierte das Filmfragment sowie zusätzliches Filmmaterial, das im Zuge der Befreiung von
Bergen-Belsen entstand. Gemeinsam mit dem Historiker Bertrand Perz (Universität Wien, VWI) wurde das Dilemma dokumentarischer
Repräsentation der Shoa sowie der Einfluß dieser Bilder auf ein mediales Gedächtnis
diskutiert. Durch den Abend führten Michael
Loebenstein (Österreichisches Filmmuseum) und Siegfried Mattl (Ludwig Boltzmann
Institut für Geschichte und Gesellschaft, VWI).
Eine Veranstaltung des Filmmuseums und des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte
und Gesellschaft, in Kooperation mit der Universität Wien, dem Imperial War Museum
(London) und dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI). Mit
Unterstützung des Zukunftsfonds der Republik Österreich.
Die von Michael Loebenstein und Siegfried Mattl kuratierte Reihe stellt einmal im
Monat rare Archivmaterialien aus der Sammlung des Hauses vor und vermittelt diese
auf mehreren Ebenen. Im Zentrum steht das Spannungsverhältnis von Film und Geschichte
selbst: Film ist zugleich Zeugnis vergangener Begebenheiten – als Dokument des
„Was-gewesen-ist“ – und eine eigenständige Form der Geschichtsschreibung: eine
spezifische mediale Umformung der Wirklichkeit.
Die Abende sind durchgängig moderiert; die Begegnung mit filmischen Artefakten wird
erweitert durch Einführungen und Diskussionen mit dem Publikum sowie geladenen
Expert/innen. Zu jedem Termin werden im Vorfeld Textmaterialien erarbeitet und im
Internet zugänglich gemacht; darüber hinaus wird jede Veranstaltung auf Video
dokumentiert. Ziel der Reihe ist es, eine neuartige Schnittstelle zwischen Archiv,
Wissenschaft und Öffentlichkeit anzubieten.
Österreichisches Filmmuseum:
www.filmmuseum.at

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