| PROJEKTINFORMATION |
JULI 2009
Simon Wiesenthal war es ein besonderes Anliegen seiner letzten Lebensjahre, sein Archiv der historischen Forschung zugänglich zu machen und den Geist seiner Arbeit in einer Zeit gewahrt zu wissen, in der sowohl die Täter als auch die Opfer des Nationalsozialismus gestorben sein werden. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien hat deshalb bereits im Jahr 2002 gemeinsam mit zahlreichen namhaften Institutionen die Initiative ergriffen, ein internationales Shoa-Forschungszentrum in Wien zu errichten, das den Namen Simon Wiesenthals tragen soll. Dieses Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI), an dessen Konzeption der im September 2005 verstorbene Simon Wiesenthal noch persönlich beteiligt war, widmet sich - ganz im Sinne seines Lebenswerkes - der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung von Fragen zu Antisemitismus, Rassismus und Holocaust. In ihm soll das Simon Wiesenthal Archiv mit Teilen des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien räumlich zusammengeführt werden.
Simon Wiesenthal hinterlässt eine umfangreiche Dokumentation mit rund 8.000 Akten zu NS-Tätern und NS-Verbrechen. Die Akten enthalten Wiesenthals Korrespondenz mit Justiz- und Dokumentationsstellen, mit Organisationen von Überlebenden und Widerstandskämpfern sowie mit Informanten. Gerichtsakten, NS-Dokumente, Zeugenaussagen und Presseberichte bilden einen weiteren Schwerpunkt. Darüber hinaus besteht der Nachlass Simon Wiesenthals aus zahlreichen Dokumenten zu dessen Auseinandersetzung mit der österreichischen Innen- und Außenpolitik und aus Zeugnissen seines Engagements wider das Vergessen in Form von Manuskripten für Reden und Publikationen.
Das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde ist das weltweit größte erhaltene Archiv einer jüdischen Gemeinde, das tausende unausgewertete Verwaltungsakten, Korrespondenzen, Karteien und Bücher umfasst. Materialen aus drei Jahrhunderten dokumentieren die Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde und ihrer Mitglieder bis in die Gegenwart. Einen Schwerpunkt bilden die Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus.
Aufbauend auf den Archivbeständen des Instituts sollen regelmäßig GastforscherInnen aus aller Welt eingeladen, internationale Forschungsprojekte durchgeführt, Vorträge und Diskussionen veranstaltet, Schüler- und Lehrerfortbildungsprogramme angeboten werden und Ausstellungen stattfinden. Forschung, Dokumentation und Vermittlung sollen als drei Säulen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Historische Fragestellungen sollen mit gegenwärtigen verbunden werden, die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt werden. Die Qualität wird von einem hochkarätig besetzten Internationalen Wissenschaftlichen Beirat garantiert.
Trägerorganisation ist ein eigens gegründeter Verein, zu dem sich die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG), das Dokumentationszentrum des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes (BJVN - Simon Wiesenthal Archiv), das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW), das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (IfZ), das Jüdische Museum Wien (JMW) und das IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften zusammengeschlossen haben. Die beiden letzteren Einrichtungen sind Ende 2009 aus dem Kreis der Trägerorganisationen ausgeschieden. Vorsitzender des Vereins ist Univ. Prof. Georg Graf, seine StellvertreterInnen Hon. Prof. Brigitte Bailer bzw. Ariel Muzicant.
Die Stadt Wien hat bereits im Dezember 2002 versichert, sich im selben Ausmaß an der Finanzierung des Vorhabens zu beteiligen wie die Republik Österreich. Am 12. März 2008, dem 70. Jahrestag des so genannten "Anschlusses", hat die Österreichische Bundesregierung einen Beschluss über die Form und den Umfang ihrer Unterstützung des Projekts gefasst: Die Republik Österreich (der Bund) wird dem Institut ein Gebäude im 8. Wiener Gemeindebezirk, in der Josefstädter Strasse 39 zur Verfügung stellen, das im Jahr 2012 bezugsfertig sein soll: das Palais Strozzi. Die Adaptierungskosten sollen jeweils zur Hälfte von Bund und Stadt Wien getragen werden, die Kosten für den laufenden Betrieb jeweils zu einem Drittel von Bund und Stadt Wien. Das restliche Drittel soll von den Betreibern mit Unterstützung von Bund und Stadt Wien in Form so genannter Drittmittel aus anderen Finanzierungsquellen aufgebracht werden.
Eine Einschätzung der Adaptierungskosten und der Kosten für den laufenden Betrieb am geplanten Standort Palais Strozzi bedarf noch der Klärung zahlreicher offener Fragen. Für die Überbrückungsphase 2008-2011 wurden im Juli 2008 ein Stufenplan und eine aktuelle Kostenprognose vorgelegt. Auf dieser Grundlage wurde im September 2008 ein Fördervertrag mit dem Österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung und im Dezember 2008 ein Fördervertrag mit der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7) unterzeichnet.
Anfang Jänner 2009 - unmittelbar nach dem 100. Geburtstag Simon Wiesenthals am 31. Dezember 2008 - hat das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) seinen provisorischen Betrieb aufgenommen, im Mai wurden am vorläufigen Standort im 1. Wiener Gemeindebezirk, am Desider Friedmann-Platz 1, Büroräume für die Überbrückungsphase eröffnet.
Download: Textarchiv, Konzept Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI), Juli 2008
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