HOLOCAUST STUDIES TAGUNG
ARBEIT UND VERNICHTUNG




Arbeiterkammer Wien
Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien

Veranstaltungsort: Grosser Saal AK-Bildungszentrum, Theresianumgasse 16-18, 1040 Wien

Dieser Vortrag wurde live auf dieser Website übertragen und ist im Videoarchiv abrufbar.
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Mittwoch, 27. Juni  
   
Ulrich Herbert [play video]

"Arbeit und Vernichtung"
Über Konvergenzen und Widersprüche nationalsozialistischer Politik
 

Als die Juden im Ghetto Łódź im Jahre 1942 realisierten, dass die Deutschen daran gingen, sie systematisch umzubringen, setzten sie darauf, die Zahl der für die deutsche Rüstung arbeitenden Betriebe des Ghettos zu erhöhen, denn, so das Kalkül, nur wer den Deutschen nützlich sei, werde überleben. „Unser einziger Weg ist die Arbeit“, war daher ihre Schlussfolgerung und Hoffnung. Dass sie sich irrten und dass schließlich auch jene umgebracht wurden, die den Deutschen als Arbeitskraft nützlich war, ist als Kern des Zivilisationsbruches erkannt worden, weil das Prinzip des eigenen Vorteils hier durch die Deutschen aufgehoben zu sein schien.
Der Widerspruch zwischen „Arbeit“ und „Vernichtung“ als zwei zentralen Prinzipien nationalsozialistischer Politik ist spätestens seit Beginn des Krieges offenbar geworden. Einerseits war die Ausbeutung aller Ressourcen der von Deutschland kontrollierten Gebiete eine notwendige Voraussetzung, um diesen Krieg überhaupt führen und womöglich gewinnen zu können. Andererseits fielen der Politik des Genozids im Verlaufe des Krieges etwa sechs Millionen Juden, vermutlich mehr als vier Millionen nichtjüdische Zivilisten sowie etwa drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer – gegen alle Nützlichkeitserwägungen, wie es schien.
In dem Vortrag wird versucht, die Prämissen herauszuarbeiten, die hierbei für die NS-Führung leitend waren, und die verschiedenen Ansätze der NS-Führung, die hier auftretenden Widersprüche auszugleichen, zu analysieren. Dabei stehen wirtschaftliche, politische und ideologische Faktoren im Vordergrund, aber auch Kategorien wie Ernährungspolitik, Zeitdruck, Herrschaftskompromiss – und Zufall.

 
   
   
Curriculum Vitae  
   

Ulrich Herbert, Prof. Dr., Jg. 1951; Studium der Geschichte, Germanistik und Volkskunde an der Universität Freiburg i.Br.; 1980 bis 1992 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Hochschulassistent an den Universitäten Essen und Hagen; 1987/88 Research Fellow am Institute for German History, Tel Aviv University. Von 1992 bis 1995 Direktor der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus, Hamburg; seit 1995 Professor am Historischen Seminar der Universität Freiburg i.Br.  1999 Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft; 2001 bis 2007 Mitglied des Wissenschaftsrats.
Forschungsschwerpunkte: Deutsche und europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts; Holocaust-Forschung; Migrationsforschung.

Publikationen (Auswahl)

- Europa und der „Reichseinsatz". Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland, 1938 – 1945. Essen, 1991
- Arbeit, Volkstum, Weltanschauung. Über Deutsche und Fremde im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main, 1995
- Kriegsende in Europa. Vom Beginn des deutschen Machtzerfalls bis zur Stabilisierung der Nachkriegsordnung, 1944 bis 1948. Essen, 1998 (Hrsg. gem. mit Axel Schildt)
- Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. München, 2001
- Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung, 1945 – 1980. Göttingen, 2002
- Die nationalsozialistischen Konzentrationslager 1933 bis 1945. Entwicklung und Struktur. Göttingen, 1998; 2. Aufl. Frankfurt a.M., 2002 (gem. mit Karin Orth u. Christoph Dieckmann)
- Nationalsozialistische Vernichtungspolitik, 1939 bis 1945. Neue Forschungen und Kontroversen. Frankfurt am Main, 1998; New York und Oxford, 1999; Jerusalem, 2000; Paris, 2004
- Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989. Bonn, 1996; Warschau, 2006
- Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Berlin/Bonn, 1985; Neuausg. Bonn, 1999; Cambridge, 1997; Warschau, 2007


 
 
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